Freitag Plenum

Fünf mal fünf – Speakers Corner

Speakers Corner ist eine neue Idee, ein Experiment. Was verbirgt sich hinter diesem Titel? Fünf Expertinnen und Experten der Erlebnispädagogik haben jeweils fünf Minuten Zeit, um etwas über EP bzw. Outdoor- Training zu sagen: Trends, Daten, Kritisches, Lustiges, persönliche Anliegen, Wunschliste. Es gibt weder Zensur oder Vorgaben, und auch keine Abstimmung zwischen den Experten und Expertinnen. So bleibt es für die Zuhörerinnen und Zuhörer, aber auch für alle Beteilgten ein spannender und offener Prozess. Es sprechen:

* Christian Dittmar
* Janne Fengler
* Stefanie Jöst
* Erwin Maier
* Walter Siebert

Vortrag: Was uns draußen wirklich bewegt – Empirische Befunde zur Renaissance des Wanderns und Pilgerns

Erst war es das Radeln, dann das Wandern und jetzt das Pilgern, welche im Zuge der immer weiteren Technisierung des Alltags eine unerwartete Wiederbelebung erfahren haben. Je mehr sich unser Leben in immer künstlichere, abstraktere, zeitverdichtetere Räume verflüchtigt, desto mehr scheint es uns für die notwendigen Auszeiten in die einfache Welt des Fußreisens zurückzuziehen. Per Pedes mehr noch als per Pedale lassen wir die Landschaft in Ruhe an uns vorbeiziehen, nehmen ihre beeindruckenden wie banalen Details gelassen wahr, hegen die Hoffnung, uns dabei selber wiederzufinden.

Sind es nur Hoffnungen, die uns wie Süchtige immer wieder und dann doch vergeblich hinaustreiben, und wenn ja welche? Nehmen wir tatsächlich etwas mit zurück, und wenn ja, was? Brauchen wir dazu eine Pädagogik oder schafft es die Kulturlandschaft von allein, Körper, Geist und Seele wieder ins Lot zu bringen?

In Deutschland ist es Tradition, derlei Fragen Literaten und Philosophen, Feuilletonisten oder Sonntagsrednern zu überlassen. Nur zögerlich beginnen empirische Wissenschaften wie Psychologie und Soziologie, sich mit dem bewegten Verhältnis von äußerer und innerer Natur zu beschäftigen. Sie finden nicht unbedingt eindeutigere, aber andere Antworten,über die es sich lohnt, nachzudenken. Ein Vorab-Tipp für Neugierige: www.wanderforschung.de und www.natursoziologie.de.

Rainer Brämer, Natursoziologe, Deutsches Wanderinstitut e. V. , Forschungsgruppe Wandern und Natur.
www.wanderforschung.de, Im Aufbau: www.natursoziologie.de

Vortrag: Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich

Einfach losgehen. Vier bis fünf Kilometer in der Stunde zu Fuß zurücklegen. Mal weniger, mal mehr. Ziele, Routen, Pausen selber wählen. Richtungen ändern. Vom Weg abweichen. Im Weglosen gehen. Souverän über Raum und Zeit verfügen. Blickachsen, Hörräume, Duftfelder wahrnehmen und immer wieder pendeln: zur Innenschau, der Zwiesprache mit sich selbst – Essenz des Wanderns…

Niemand braucht das Wandern neu zu erfinden. Aber wie verbinden wir seinen zeitlosen Kern organisch mit dem Zeitgeist und unseren neu sich ausprägenden Grundbedürfnissen? Meine These: Die neue Lust am Wandern hängt mit den allgegenwärtigen Phänomenen der Beschleunigung zusammen: 1. Beschleunigung des Lebenstempos;
2. Verschwinden des Raumes und Bewegungsarmut; 3. Entsinnlichung des Lebens durch die Allgegenwart des Computers und der audiovisuellen Medien.

Die Kombination von rasender Beschleunigung und fataler Bewegungsarmut tut uns nicht gut. Die Überdosis von künstlichen Welten bringt uns aus der Balance. Stress, urprünglich eine Strategie von Körper und Seele, um in Ausnahmesituationen kurzfristig alle Kraftreserven zu mobilisieren, wird zum Dauerzustand. Wandern ist das perfekte Kontrastprogramm zur herrschenden Beschleunigung und Virtualisierung unserer Lebenswelt.

Eine Wanderung ist die natürlichste Form der Entschleunigung. Indem ich mich aus eigener Körperkraft bewege, statt in Fahrzeugen transportiert zu werden, gewinnen meine Eindrücke ein neues Maß an Sinnlichkeit und Realität. Ich lege, indem ich wandere, einen Vorrat an verarbeitungsfähigen Erfahrungen an.

Auch den nachfolgenden Generationen Wege zu zeigen, wie Wanderlust in Momente von purem Wanderglück zu verwandeln ist, wäre ein weites Feld für pädagogische Phantasie. Der nächste Schritt: Die Lust am Wandern mitzunehmen in den urbanen Alltag und zu erweitern – zur Lust an der Mobilität aus eigener Körperkraft überhaupt. Wer gerade zu Fuß die Lechtaler Alpen durchquert hat, wird zu Hause wohl kaum in die Blechkiste steigen, um Brötchen zu holen. Auch Muskelkraft ist eine erneuerbare Energie! Eigenbewegung ist zukunftsfähig.

Ulrich Grober, freier Autor und Publizist, leidenschaftlicher Wanderer und Wanderbuchautor